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Im Stiftungswald nutzen wir die Kräfte der Natur

Auszeichnung der Juliusspitalstiftung zum Naturschutzpartner Waldbesitzer

Der Forstbetrieb der Stiftung Juliusspital wurde vor kurzem mit dem bayerischen Naturschutzpreis „Naturschutzpartner Waldbesitzer“ ausgezeichnet. Der Preis würdigt das Engagement für die Erhaltung von Biotopbäumen und Totholz sowie für weitere Maßnahmen des Waldnaturschutzes. Matthias Wallrapp, Fortbetriebsleiter der Stiftung Juliusspital, hatte kurz darauf im Rahmen der Seminarreihe „Leidenschaftlich vielfältig“ der Fachstelle Waldnaturschutz in Unterfranken in Zusammenarbeit mit dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Karlstadt referiert. Rund 600 Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer haben an der Online- Veranstaltung teilgenommen, die im April 2022 durch einen Waldspaziergang für Interessierte im Stiftungswald abgerundet wurde. Im Vorfeld der Veranstaltung haben wir Matthias Wallrapp und den Behördenleiter des AELF Karlstadt Ludwig Angerer gefragt, welche Möglichkeiten private Waldbesitzer für Waldnaturschutz haben und welche Rolle die Bewirtschaftungsform als Dauerwald dabei spielt.

Herr Wallrapp, dem Forstbetrieb der Stiftung Juliusspital wurde im letzten Jahr der Bayerische Naturschutzpreis „Naturschutzpartner Waldbesitzer“ verliehen. Wofür genau wurde Ihr Betrieb ausgezeichnet?

Unser Forstbetrieb wurde für die Integration von Naturschutzleistungen in betriebswirtschaftliche Abläufe ausgezeichnet. Das umfasst sowohl die Förderung und Erhaltung von Biotopbäumen und Totholz als auch Flächenstilllegungen. Die Stichproben-Inventur von 2013 ermittelte einen Wert von fünf Biotopbäumen pro Hektar. Hochgerechnet sind das ca. 16.000 Biotopbäume im Betrieb. Ebenfalls honoriert wurden unsere intensiven Bemühungen für den Waldumbau. Seit 1990 haben wir rund 2,3 Millionen Buchen gepflanzt. Zusätzlich ist unsere Forstbetriebsfläche zu 60% von Althölzern über 100 Jahren geprägt. Diese Althölzer haben wegen ihrer Dimension einen hohen monetären und auch naturschutzfachlichen Wert.  Hohe Erlöse im Laubholz können nur mit wertvollem und starkem Holz erzielt werden. Es ist deshalb ökonomisch und ökologisch sinnvoll Buchen und Eichen alt und stark werden zu lassen.

Welche Gründe motivieren Sie, sich für den Waldnaturschutz im Stiftungswald zu engagieren?

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: es funktioniert nicht gegen die Natur zu wirtschaften. Betriebswirtschaft funktioniert nicht ohne Naturschutz, oder anders ausgedrückt: Die Integration von Naturschutzbestandteilen ist auch betriebswirtschaftlich sinnvoll. Bei uns findet keine Maximierung des Holzertrages zu Lasten der Natur statt. Vielmehr nutzen wir die Kräfte der Natur.

Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Gerne. Spechte tragen dazu bei, das biologische Gleichgewicht zu erhalten. Deshalb bleiben bei uns Spechtbäume stehen. Biotopbäume sind oftmals bereits holztechnisch entwertet und deshalb kaum gewinnbringend zu vermarkten. Sie bieten allerdings natürlichen Schädlingsantagonisten Lebensraum. Die Förderung dieser Biotopbäume nach dem Vertragsnaturschutzprogramm (VNP) Wald honoriert dabei was wir ohnehin schon machen.

Mit 3.400 ha Waldfläche zählt Ihr Betrieb zu den größeren Forstbetrieben in Bayern. Sind Ihre Naturschutzstrategien auch auf kleine Waldflächen übertragbar?

Ja natürlich, denn Naturschutz fängt im Kleinen an. Es lohnt sich auch einzelne Biotopbäume zu erhalten. Auch damit kann man einen Beitrag zum Waldnaturschutz leisten. Außerdem kann jeder Waldbesitzer auf diese Weise ein Vorbild für andere Waldbesitzer und Grundstücksnachbarn sein, die so motiviert werden, Waldnaturschutzmaßnahmen im eigenen Wald umzusetzen.

Herr Angerer, eine beträchtliche Waldfläche des Stiftungswaldes liegt in Ihrem Amtsbereich im Landkreis Main-Spessart. Wie bewerten Sie das Naturschutzkonzept der Stiftung Juliusspital?

Der Betrieb der Stiftung Juliusspital ist von Eichen und alten, reifen Beständen aus Buche und Eiche geprägt. Das sind herausragende Rahmenbedingungen, auf die der Forstbetrieb bereits seit Jahren hinarbeitet. Das Waldnaturschutzkonzept ist sehr gut auf diese Rahmenbedingungen abgestimmt. Das integrative Modell, bei dem Biodiversität, Waldnaturschutz und Nutzung gleichermaßen Platz finden wird im Stiftungswald beispielhaft umgesetzt. Diese Vorbildfunktion des Betriebes wird auch durch den zuerkannten Preis deutlich.

Gibt es in Ihrem Amtsbereich, der sich zusätzlich auf die Landkreise Aschaffenburg und Miltenberg erstreckt, ähnliche Waldnaturschutzprojekte im Privat- oder Kommunalwald?

Ja, die gibt es. Als Beispiele möchte ich hier die Städte Lohr und Alzenau nennen. Im Lohrer Stadtwald werden bereits seit vielen Jahrzehnten sehr erfolgreich Waldnaturschutzkonzepte umgesetzt. Und auch die Stadt Alzenau, die als eine der wenigen großen Forstbetriebe eine eigene Umweltabteilung besitzt, führt bereits seit Jahren Waldnaturschutz, Biodiversität und Nutzung erfolgreich zusammen. Damit das auch in anderen Wäldern gut gelingt, bietet das AELF Karlstadt im Rahmen der zwanzigjährigen Betriebsplanung regelmäßig Workshops für Kommunen zum Thema Biodiversität und Waldnaturschutz an. Das ist die Grundlage für die Sachverständigen. Teilnehmer sind Gemeinderäte, Stakeholder, etc. Diese Workshops werden super angenommen. Unser Ziel ist es, Waldnaturschutz im öffentlichen Wald zu etablieren. Im privaten Wald unterstützen die Revierleiterinnen und Revierleiter durch ihre Beratung bei der Umsetzung von Waldnaturschutzstrategien. Auch der private Waldbesitz verfügt über großes Interesse sich zu engagieren. Lange Jahre wurde hier schon in diese Richtung gearbeitet. Dass rund 13% der VNP- Fördermittel Bayerns im Jahr 2021 an die Waldbesitzenden unseres Amtsbereiches ausbezahlt wurden, ist ein Spiegel dieser Waldnaturschutztradition und der Wälder unserer Landkreise.

Welche Möglichkeiten haben Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer im Kleinprivatwald, um in ihren Wäldern Naturschutzmaßnahmen umzusetzen?  

Die erste Frage, die ich Waldbesitzern stelle, ist: Kennen Sie Ihren Förster? Häufig höre ich dann ein „Nein“ als Antwort. Deshalb ist der erste und wichtigste Punkt sich von unseren Revierleiterinnen und Revierleitern beraten zu lassen.  Als AELF wollen wir die Lust am Wald aktivieren. Waldnaturschutz liegt im Eigeninteresse der Waldbesitzenden und die staatliche Förderung honoriert diese Bestrebungen.

Herr Wallrapp, wie wichtig ist der Lebensraum Wald für die Biodiversität?

Sehr wichtig! Ohne menschliche Einwirkung wäre Deutschland zu 99%, überwiegend mit Buchenwäldern, bewaldet. Wir haben eine globale Verantwortung diese Buchenwälder und die darin vorkommenden Arten zu erhalten. Im Stiftungswald stehen wir für das integrative Modell und nehmen Verantwortung auf der ganzen Fläche wahr. Ein naturnaher, stabiler Laubholz-Dauerwald vereint Ökologie und langfristige, nachhaltige Ökonomie auf ideale Weise und leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität.

Herr Angerer, wie beurteilen Sie die Bedeutung des Waldes für die Biodiversität?

Betrachtet man das Ökosystem Wald als Organismus, aus Bäumen und Pilzgeflecht, so ist es für die Biodiversität unter anderem bedeutsam das Bodenleben zu pflegen. Im Vergleich zu anderen Landnutzungsformen sind Wälder noch relativ wenig von Menschen beeinflusst. Das Thema Boden ist hierbei von großer Wichtigkeit. Die Bodenfauna ist im ökosystemaren Zusammenhang von großer Relevanz und wird wohl auch künftig noch an Bedeutung für die Beurteilung und Erhaltung der Biodiversität zunehmen.

Welche Maßnahmen können wir zum Schutz der Artenvielfalt ergreifen?

In diesem Punkt ist man, aus meiner Sicht, mit der Kernfrage konfrontiert, wie wir uns als Menschen im Kontext von Natur und Nutzung begreifen. Als Gesellschaft betrifft das unser Gesamtkonzept aus Waldbewirtschaftung, Landwirtschaft und Konsumverhalten. Dieses Konzept gilt es weiter zu denken und als Gesellschaft weiter zu entwickeln. Das ist ein spannendes neues Feld, bei dem ich auch die Biosphäre Spessart als Chance sehe. Ein neues Leitbild und Zukunftskonzept mit Projektideen und Plänen für aktuelle Herausforderungen, mehr Regionalität in der Ernährung und im eigenen Konsumverhalten. Für den Schutz der Biologischen Vielfalt ist es wichtig, und als Förster unsere Kernaufgabe, Menschen für den Waldnaturschutz und den Schutz der Artenvielfalt zu begeistern. Jeder kann einen Beitrag leisten und Veränderungen können Spaß machen. Als Förster sind wir Generalisten, können gut vernetzen und Zusammenhänge beleuchten. Darin liegt unsere Stärke.


Im Dialog: Behördenleiter Ludwig Angerer und Forstbetriebsleiter Matthias Wallrapp
(Foto: Sander)

Welche Flut steht uns Ihrer Ansicht nach bevor?

Fachleute prognostizieren, dass die Wirkungen von Klimawandel und Biodiversitätsverlusten noch gravierender für die Gesellschaft und unsere Natur ausfallen werden, als wir es uns vorstellen können. Deshalb: Das Wasser steigt. Das merken wir konkret an den vergangenen Nächten mit wiederkehrenden Stürmen, Orkanen und Hochwassern. Mein Fazit: Wir segeln in stürmische Zeiten.

Herr Wallrapp, wie bedeutsam ist in diesem Kontext die Bewirtschaftungsform als Dauerwald und was genau zeichnet das Dauerwaldkonzept aus?

Dauerwald steht für einzelbaumweise Nutzung, den Verzicht auf Kahlschläge und das Ausnutzen der natürlichen Verjüngung, wo immer es möglich ist. Dabei ist die waldfreundliche Jagd ein Dreh- und Angelpunkt. Bei der Dauerwaldbewirtschaftung geht es darum, das Ökosystem Wald, trotz menschlicher Eingriffe, ohne große Rupturen auf einem hohen Level halten zu können. Dieses Prinzip ist, wie bereits erwähnt, auch betriebswirtschaftlich sinnvoll. Die Produktion von mehr starkem, wertvollem Holz erbringt gleichzeitig auch höhere Naturschutzleistungen.

Ist diese Bewirtschaftungsform, Ihrer Ansicht nach geeignet, um dem Klimawandel zu begegnen?

Ja, definitiv. Ein geschlossener, gestufter Wald bleibt länger vital und hat quasi als Rückversicherung bereits eine neue Generation unter dem Schirm der Altbäume stehen. Totholz dient dem Wasserrückhalt und ist nicht nur für viele Tiere Lebensraum, sondern erhält die Bodenfeuchte in den angrenzenden Beständen. So können, meiner Ansicht nach, Brüche vermieden werden, wie es etwa beim Altersklassenwald der Fall ist. Im Dauerwald arbeiten wir mit moderaten Eingriffsstärken von 30 bis 50 Festmetern pro Hektar. Die Dauerwaldbewirtschaftung haben wir in den letzten Jahrzehnten vorbereitet und ich führe die Bestrebungen meiner Vorgänger weiter.

Welche konkreten Vorbereitungen waren notwendig, um dem Stiftungswald nach dem Dauerwaldprinzip zu bewirtschaften? 

Zunächst ging es darum vorhandene Strukturen zu erkennen und auszunutzen. Eingriffe haben hauptsächlich in mittleren Durchmesserbereichen zwischen 20 cm und 50 cm stattgefunden, um eine gute Durchmesserverteilung zu erreichen. Inzwischen sind unsere Wälder geprägt von alten natur-nahen, gemischten und gestuften Laubholzbestände aus Eiche, Hainbuche, Buche und auch Nadelhölzern. Außerdem setzen wir konsequent auf Naturverjüngung und pflanzen nur auf Flächen, auf denen bisher kein Laubholz vorkommt. Naturverjüngung und aktiver Waldumbau als Zukunftsvorsorge können jedoch nur gelingen, wenn die Jagd stimmt. Wenn Einzelbäume oder Bestände zusammenbrechen, bringt die Natur eine Vielzahl von Alternativen. Eiche, Buche, Ahorn und viele andere Baumarten. Um dieses Angebot optimal auszunutzen legen wir großen Wert auf waldangepasste Wildbestände. Trotz gesetzlicher Vorgaben gibt es vielerorts leider nach wie vor überhöhte Wildbestände. Die Zukunft unserer Wälder wird damit dem Hobby einiger Weniger geopfert. Und auch der volkswirtschaftliche Schaden ist enorm.

Wo wir gerade vom Geld sprechen: Maßnahmen des Klima- und Waldnaturschutzes kosten etwas. Lohnen sich diese Investitionen für Waldbesitzer oder sind sie aus wirtschaftlicher Sicht eher nachteilig?

Kosten diese Maßnahmen wirklich so viel Geld? Die Frage ist doch eher: Wo mache ich was? Denn schon mit wenigen Dingen kann man viel erreichen. Biotopbäume sind häufig, wie ich es vorhin schon erläutert habe, holztechnisch entwertet und deshalb kaum gewinnbringend aufzuarbeiten und zu vermarkten. Deshalb bleiben sie stehen. Waldflächen für Flächenstilllegungen werden aus klimatischen Gründen zunehmen. Auf sehr trockenen Standorten kommen manche Baumarten an ihre Grenzen. Hier macht es auch betriebswirtschaftlich Sinn die Bewirtschaftungsintensität zurückzunehmen. Und nach Stürmen kann man Einzelbaumwürfe im Steilhang auch einfach einmal belassen.

Welche konkreten Vorbereitungen waren notwendig, um dem Stiftungswald nach dem Dauerwaldprinzip zu bewirtschaften? 

Zunächst ging es darum vorhandene Strukturen zu erkennen und auszunutzen. Eingriffe haben hauptsächlich in mittleren Durchmesserbereichen zwischen 20 cm und 50 cm stattgefunden, um eine gute Durchmesserverteilung zu erreichen. Inzwischen sind unsere Wälder geprägt von alten naturnahen, gemischten und gestuften Laubholzbestände aus Eiche, Hainbuche, Buche und auch Nadelhölzern. Außerdem setzen wir konsequent auf Naturverjüngung und pflanzen nur auf Flächen, auf denen bisher kein Laubholz vorkommt. Naturverjüngung und aktiver Waldumbau als Zukunftsvorsorge können jedoch nur gelingen, wenn die Jagd stimmt. Wir legen großen Wert auf waldangepasste Wildbestände. Trotz gesetzlicher Vorgaben gibt es vielerorts leider nach wie vor überhöhte Wildbestände. Die Zukunft unserer Wälder wird damit dem Hobby einiger Weniger geopfert. Und auch der volkswirtschaftliche Schaden ist enorm.

Herr Angerer, wie sollte Ihrer Ansicht nach, der ideale Wald aussehen?

Da bin ich wieder beim Gedanken des Organismus. Ein idealer Wald ist optimal an die Gegebenheiten wie Wasserhaushalt und Klimaentwicklung angepasst. Er ist Lebensraum für eine Vielzahl von Arten, bei gleichzeitigem Vorkommen verschiedener Altersphasen und Strukturen. Das ist ein anderer Denkansatz und macht die Bedeutung des Zusammenwirkens bewusst. Die Kommunikation innerhalb eines Baumes wurde bereits gut untersucht. Bäume sind Teil eines Netzwerkes, über das sie unterirdisch durch Pilze miteinander verbunden sind und im Austausch mit ihrer Umgebung stehen. Die Dauerwaldidee, wie sie vor knapp 100 Jahren von Alfred Möller begründet wurde, kommt dieser Idee recht nah. Natürliche Prozesse der Waldentwicklung wie Mischung, Regeneration und Strukturierung werden situativ in die Waldpflege integriert. Naturverjüngung erhält die genetische Vielfalt und es ist zusätzlich möglich, schonend andere, auch bisher wenig etablierte neue alternative Baumarten, zu integrieren.

Diesen Ansatz hat auch schon Karl Gayer vertreten. Er war einer der prägenden Professoren, welche die Vorteile von Mischwäldern, natürlicher Verjüngung und naturgemäßem Waldbau unterstrichen. Heuer jährt sich sein Geburtstag übrigens zum zweihundertsten Mal.